DAS TEMPERAMENTVOLLE PFERD: IM UMGANG UND BEIM REITEN

Ist dein Pferd ein echtes Pulverfass? Weißt du nicht mehr, wie du es händeln sollst, weil es vor Energie nur so strotzt? Bevor du ihm ein schärferes Gebiss ins Maul legst oder jeden Versuch, das heißblütige Tier zu bändigen, schon von vornherein aufgibst, findet du hier vielleicht einige Anregungen.

SÄMTLICHE KÖRPERLICHE URSACHEN AUSSCHLIESSEN

Zuallererst musst du dich vergewissern, dass dein Pferd ordnungsgemäß gefüttert wird und keinerlei Schmerzen hat. Ein nervöses Pferd leidet häufig einfach nur unter Schmerzen. Mit seinem Verhalten versucht es, dir dies verständlich zu machen. Falls du also den Verdacht hast, dein Pferd könnte irgendwo Schmerzen haben, mach sofort einen Termin mit dem Tierarzt oder Osteopathen. Die Gesundheit deines Pferdes steht an erster Stelle!

ATMEN UND ENTSPANNEN

Hochblütige Pferde sind überaus sensibel. Sie nehmen alle deine Emotionen auf. Bist du also angespannt, weil du dein Pferd nicht händeln kannst und baust du immer mehr Druck auf, kann es schlimmer werden. Denk also dran: atme und entspanne dich! Atme ruhig ein paar Mal tief ein und aus und lasse deine Schultern kreisen, um dich locker zu machen. Du wirst sehen, dass sich deine Entspannung auf das Pferd überträgt und es dann selber entspannen wird.

Bodenarbeit mit dem Pferd kann so schön sein und stärkt die Beziehung

KEIN KRÄFTEMESSEN

Vergiss eines nie: Dein Pferd ist dir körperlich überlegen! Da du es nicht mit Kraft kontrollieren kannst, musst du deine Intelligenz einsetzen. Mit einem temperamentvollen Pferd sollte man arbeiten, ohne es zu stark unter Druck zu setzen. Vielmehr sollte man darauf achten, dass es sich konzentriert und vor allem mit ihm arbeiten anstatt gegen es zu kämpfen. Seine Energie solltest du in geordnete Bahnen lenken. Hierzu findest du nachstehend einige Tipps.

Bahnen in der Reithalle ziehen muss nicht langweilig sein. Fordere dein Pferd heraus.

DAS PFERD BESCHÄFTIGEN

Sehr temperamentvolle Pferde können sich häufig schlecht konzentrieren. Zieh also nicht einfach nur Bahnrunden mit deinem Pferd, ohne es zu fordern, denn so kommt es leichter auf dumme Gedanken und sucht nach Dingen, vor denen es scheuen kann. Lass dein Pferd im Gegenteil richtig arbeiten. Reite eine Bahnfigur nach der anderen - ganz egal, ob man den Eindruck bekommt, dass ihm davon schwindlig wird. Wenn dein Pferd entsprechend ausgebildet ist, empfehlen sich außerdem Seitengänge. Hierbei findet man leicht den richtigen Rhythmus und das Pferd muss sich stark konzentrieren. Vermeide zunächst Übergänge in zu kurzen Abständen, denn dadurch neigt das Pferd dazu, sich aufzuheizen.

MIT TAKT REAGIEREN

Nervöse Pferde sind im Allgemeinen sehr „guckig“ und schreckhaft. Sie neigen dazu, vor profanen Dingen wie einem auffliegenden Blatt zu scheuen und zu flüchten. Bleib gelassen und schenk den Seitenhüpfern oder Kehrtwendungen keine Aufmerksamkeit. Auch wenn dies der erste Reflex in einer solchen Situation ist - vermeide es, heftig an den Zügeln zu ziehen. Wenn du dich deinerseits aufregst oder verspannst, sieht das Pferd dies als Bestätigung für seine Angst. Sei also intelligenter als dein Pferd: Bleib ruhig und mach einfach da weiter, wo ihr aufgehört habt, als sei nichts passiert. Wenn du eine Panikattacke deines Pferdes einfach ignorierst, wird es allmählich begreifen, dass es gar keine Angst zu haben braucht und es wird sich sehr viel schneller wieder beruhigen.

TRAININGSEINHEITEN - WIE LANG, WIE INTENSIV?

Hierbei hängt alles vom Pferd ab. Es ist deine Aufgabe, das richtige Tempo zu finden. Bei einigen Pferden sind kurze, aber intensive Einheiten angebrachter. Vor allem bei solchen Pferden, die Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Wenn dies auf dein Pferd zutrifft, absolviere dein Trainingsprogramm ohne große Pausen, sobald du merkst, dass es sich konzentriert. Auch im Schritt wird gearbeitet. Lasse erst dann alles los, wenn die Trainingseinheit abgeschlossen ist. Andere Pferde wiederum brauchen zwischendurch immer einmal eine Pause. Wenn dies auf dein Pferd zutrifft, leg ruhig die eine oder andere Schrittpause am langen Zügel ein, damit sich das Pferd kurz entspannen kann.

Mit den Schenkeln reiten und nicht mit den Händen. Wie man die Zügel locker halten kann.

MIT DEN SCHENKELN REITEN, NICHT MIT DEN HÄNDEN

Das Problem bei heißblütigen Pferden ist, dass man dazu neigt, sie mit (zu) viel Handeinsatz zu reiten und dabei seine Schenkel vergisst. Diese Reaktion ist ziemlich „natürlich“, jedoch hat sie zur Folge, dass sich dein Pferd noch mehr aufregt und du den Eindruck hast, es würde rasen. Ein sehr unangenehmes Gefühl. In Wirklichkeit geht es jedoch sehr steif und bewegt sich mehr in der Senkrechten denn in der Waagerechten.
Daher muss man es vorwärts treiben, auch wenn dies widersprüchlich erscheint. Denke stets daran, dass eine Aktion der Hand nur dann gerechtfertigt und wirksam ist, wenn sie von einer Aktion des Schenkels begleitet wird. Wenn dein Pferd auf Schenkeldruck sehr sensibel reagiert, treibe es zunächst mit deinem Sitz vorwärts. Trau dich einfach, die Zügel ein wenig nachzugeben und das Pferd vorwärts gehen zu lassen. Psychologisch gesehen fällt einem dies anfangs natürlich schwer. Aber du wirst sehen, dein Pferd wird sich beruhigen und der Ritt wird um einiges angenehmer.

Pferd an der Longe - Bodenarbeit

EINE VERTRAUENSVOLLE BEZIEHUNG AUFBAUEN

Wenn dein Pferd von ängstlicher Natur ist, muss es dir in allen Situationen vertrauen, damit es immer die Ruhe bewahrt und seine Emotionen nicht die Oberhand gewinnen. Daher ist es empfehlenswert, mit dem Pferd Bodenarbeit zu machen, wenn es dafür empfänglich ist. Fordere es im Falle einer Panikreaktion (Flucht oder Scheuen) in aller Ruhe zum Schritt oder Halt auf, ohne an den Zügeln bzw. dem Strick oder der Longe zu ziehen, und beruhige es. Ganz gleich, ob im Sattel oder am Boden - sobald du merkst, dass dein Pferd sich zusammennimmt und wenig oder gar nicht auf äußere Einflüsse reagiert, lobe es ausgiebig. Benutze auch deine Stimme, um ihm Sicherheit zu vermitteln.

AN DEN SCHENKEL GEWÖHNEN

Nervöse Pferde haben häufig Probleme damit, den Schenkelkontakt zu akzeptieren. Dies ist häufig das Hauptproblem bei der Arbeit mit temperamentvollen Pferden, denn sie sind sehr sensibel und ständig in Eile. Sei jedoch unbesorgt: Auch sie können an den Schenkel gewöhnt werden! Ein solches Pferd muss gegen den Schenkel desensibilisiert werden. Dies bedeutet, dass du deine Schenkel einsetzt, bis es keine Angst mehr davor hat. Beginne im Halt. Bewege deine Schenkel an seinem Körper entlang. Dein Pferd wird es dir schnell zeigen, ob es den Schenkel akzeptiert oder nicht. Gewöhne es ganz sanft und mit viel Geduld an den Kontakt und die Bewegungen deiner Schenkel. Wiederhole diese Übung zu Beginn einer jeden Trainingseinheit. Ja, man hat wirklich den Eindruck, man würde sein Pferd noch einmal einreiten. Aber du wirst sehen, diese Übung wird euer beider Leben verändern.

Dein Pferd darf sich austoben und Dampf ablassen

SICH ABREAGIEREN

Wenn du Gelegenheit hast, treibe Sport, um dich abzureagieren. Reiten ist zwar ein wunderschöner Sport, er verlangt einem jedoch sehr viel Selbstbeherrschung ab. Wenn du genauso temperamentvoll bist wie dein Pferd, tobe dich auf andere Art und Weise aus. Du wirst sehen, im Umgang mit deinem Pferd wirst du sehr viel entspannter sein. Gleiches gilt für dein Pferd: Biete ihm regelmäßig Freilauf an, damit es Dampf ablassen und all jene Dummheiten machen kann, die unter dem Sattel unerwünscht sind.

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